Gedanken zur Pädagogik

 Pädagogik | Erzieher Fortbildung

1. Schule ist wichtig, aber nicht alles

Die gute schulische Förderung, die die Kinder hier im Kinderheim erhalten, ist ein wertvolles Gut für ihr zukünftiges Leben. Darüber hinaus ist es aber auch notwendig, sich Zeit zu nehmen zu sozialer und individueller Förderung der einzelnen Kindern, also zu ganzheitlicher Erziehung.

Dazu gehören Gefühle, lebenspraktische Fertigkeiten und soziale Verhaltensweisen mindestens genau wie die Förderung des Intellekts. Hirn, Herz und Hand sollen gefördert werden und keines darf dabei zurückstehen.
Es ist also nicht nur dann erzieherische Arbeit, wenn ein Erwachsener im Heim mit den Kindern für die Schule etwas tut, sondern auch und sehr wichtig sogar dann, wenn mit den Kindern gespielt wird, wenn man sich Zeit zum Gespräch nimmt und wenn man sich darum bemüht, dass sich die Kinder wohl fühlen und Freude haben.

 

2. Freizeit ist eine wichtige Zeit für Kinder und Erzieher

In der Freizeit, in der einengende Bedingungen wie im Unterricht in der Schule oder bei der Erstellung von Hausaufgaben wegfallen, ist eine wichtige Zeit, um das Leben zu lernen.

Das bedeutet, dass man in dieser Zeit Dinge tun kann, die Freude machen und die den ganzen Menschen ansprechen. In der Freizeit können auch die Erwachsene im Heim aus einengenden Rollen herausgehen, um sich als Mensch zu Mensch auf die Kinder einzulassen.

Natürlich sollte nicht die ganze Freizeit der Kinder wieder verplant werden, sondern sie sollten auch tun dürfen, was sie gerade wollen. Aber es ist auch notwendig, immer wieder gezielte Angebote zu machen, um den Horizont der Kinder zu weiten und zu lernen, dass man in der Freizeit auch Sinnvolleres tun kann als nur z.B. vor dem Fernsehgerät zu sitzen oder sich mit Rockmusik vollzudröhnen.

 

3. Sport ist ein wichtiger Bestandteil der Freizeit, aber er sollte nicht der einzige sein.

Nichts gegen das Fußballspiel der Buben oder andere sportliche Aktivitäten, aber das darf nicht die gesamte Freizeit ausfüllen, die gerade nicht vor dem Fernseher oder dem Radio verbracht wird.

So wertvoll ein Sport auch ist, weil man lernt, seine Kräfte zu erproben und sich an Regeln zu halten, so problematisch ist der unvermeidliche Wettkampfcharakter des Sportes.

Kinder sollten aber auch lernen, dass man nicht nur gegeneinander spielen kann, sondern, dass man auch miteinander etwas tun kann, was schön ist und begeistern kann. Dazu gehört andererseits, dass die Kinder lernen, wie ein Sport auch Spiel ist und dass dazugehört, auch ein fairer Verlierer sein zu können.

 

4. Das Spiel ist ein wesentliches Ausdrucksmittel des Menschen, vor allem der Kinder

Der Mensch, so sagen uns Philosophen, ist nicht nur Mensch, wenn er denkt oder arbeitet, sondern auch, wenn er spielt.
Spiel als zweckfreies, aber sinnvolles Tun ist eine wesentliche menschliche Ausdrucksform.

Das beginnt mit dem Spiel des kleinen Kindes, das sich in diesem Spiel die Welt erobert und erklärt, und setzt sich schließlich fort im Spiel des großen Kindes, des Jugendlichen und des Erwachsenen. Ein Mensch, der nur arbeiten und denken kann, ist ein verkümmertes Wesen.

Wir sollten deshalb immer wieder Gelegenheiten schaffen, Spiel zu ermöglichen und zu fördern. Für das kleine Kind - und nicht nur für das ganz kleine - ist dieses Spiel übrigens Arbeit, wie die italienische Pädagogin Maria Montessori formuliert hat. Freilich eine Arbeit mit viel Spaß und Freude - und gerade das sollten wir Kindern immer wieder ermöglichen.

 

5. Das Spiel ermöglicht wichtige Beobachtugen über einzelne Kinder und eine Gruppe

Wenn Kinder spielen, kann es sehr wertvoll sein, sie dabei zu beobachten. Wir sehen dann, wo das einzelne Kind Probleme und Grenzen hat, dass z.B. die Handkoordination gestört ist oder dass das Kind kein Gleichgewicht halten kann.
Wir sehen aber auch, welche guten Einfälle das Kind in das Spiel einbringt und welche Themen und Inhalte das Kind beschäftigen, dass sie im Spiel ausgedrückt werden.

Auch im Spiel einer Gruppe wird für den Beobachter oft klar, wer in der Gruppe "das Sagen" hat, wer mit wem zusammen etwas tun will usw.
Probleme des Kindes und der Gruppe, aber vor allem auch Ansätze und wichtige Hinweise zur Förderung kann man im Spiel der Kinder erkennen, wenn man es aufmerksam beobachtet und achtet.

 

6. Das gemeinsame Spiel fördert Sozialverhalten

Damit ein Spiel gut gelingt, müssen alle darauf achten, dass Spielregeln eingehalten werden, dass keiner das Spiel stört und dass möglichst alle einbezogen werden.

So wird das gemeinsame Spiel zu einem guten Mittel, um positives Sozialverhalten aufzubauen. Dies wird um so wirksamer sein, weil es von den Beteiligten mit Freude und vielleicht Begeisterung verwirklicht wird und nicht durch Vorschriften oder gar Androhung von Strafen erzwungen werden muss.
Wenn Sie viel mit den Kindern zusammen spielen, brauchen sie weniger Vorschriften, Gebote und Strafen.

 

7. Das gemeinsame Spiel von Erwachsenen und Kindern ermöglicht eine andere Art des Umgangs miteinander

Wie schon im Punkt 4 ausgeführt, ist das Spiel ein wesentlicher Ausdruck des Menschen. Wenn nun Erwachsene mit Kindern zusammen spielen und sich auf dieses Spiel einlassen, ermöglicht dies einen neuen und guten Zugang zu den Kindern.

Es wird viel gelacht. Das Zusammensein ist freier und unbelasteter und gibt den einzelnen - Erwachsenen und Kindern - die Möglichkeit, sich einmal von einer ganz anderen Seite zu zeigen. Solches gemeinsames Spiel fördert Vertrauen zueinander, nimmt die Ängste und Spannungen weg und öffnet neue Wege des Zusammenlebens.
Es ist für einige Erwachsene ungewohnt, sich auf das Spiel der Kinder einzulassen. Wer es aber einmal gewagt hat, wird bestätigen, dass es viele neue und gute Erfahrungen vermittelt.

 

8. Ein Fest als großes gemeinsames Spiel kann Höhepunkt im und Kraftquelle für den Alltag sein

Wo Menschen zusammenleben und miteinander arbeiten, müssen sie auch gemeinsam Feste feiern. Ein Fest kann verstanden werden als ein großes gemeinsames Spiel.

Dann arbeiten alle zusammen, Erwachsene und Kinder, dass dieses gemeinsame Spiel, also das Fest gelingt. Dann wird für kurze Zeit unwichtig, welche Sorgen, Probleme und Belastungen den Alltag oft bestimmen. Miteinander ein Fest feiern, führt auf neue Weise zusammen, macht offen füreinander und ermöglicht einen neuen Anfang, der zur Kraftquelle für den Alltag werden kann.
Eine Gemeinschaft wie z.B. in einem Heim sollte regelmäßig Feste feiern und eine Tradition von festgesetzten Festen über das Jahr über schaffen. Dazu kommen noch spontane Feste, die sich aus dem Augenblick ergeben oder besondere Höhepunkte bedeuten.

 

9. Spiel und Fest fördern/ermöglichen Kreativität

Das wichtigste bei Spiel und Fest ist die Förderung der Kreativität. Die Lust am Spielen, die Fähigkeit, Neues zu schaffen und ungewohnte Wege zu gehen, ist das Kennzeichen von Spiel und Fest und zugleich das Kennzeichen eines Menschen, der sich auf Neues einlassen kann.

Fest und Spiel sind also keine sinnlose "Spielerei", sondern ernsthafte Möglichkeiten, sich auf die Bewältigung des Lebens vorzubereiten.

 

10. Spiel und Fest sind keine Frage des Geldes und der Mittel, sondern der Bereitschaft, sich darauf einzulassen

Anders als in der Unterhaltungsindustrie ist das wertvolle Spiel und das frohe Fest nicht an materielle Voraussetzungen gebunden. Man muss nicht viel Geld und auch nicht viele Mittel haben, um zu spielen oder eine Fest feiern zu können.

Mit alltäglichem, ja sogar scheinbar wertlosem Material lassen sich wunderbare Spiele machen und schöne Feste gestalten. Voraussetzung ist aber die Bereitschaft, sich darauf einzulassen und für Ungewohntes und Neues offen zu sein.
Nicht "was brauche ich?" sollten wir fragen, wenn wir spielen oder ein Fest. feiern, sondern "wie können wir miteinander spielen und froh sein?"

 

Helmut Heiserer

 

 




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