Nastasia

 Iliuta | Rares

Prothesen für beidseitig beinamputierte Frau

 

Sie hatten wohl beide ein bißchen "gebechert" bei ihrem Ausflug in die nahegelegene Stadt. Mit dem Zug fuhren sie die paar Kilometer nach Hause. Der Zug ist kostenlos für die beiden. Herr Tauas ist nämlich Vorarbeiter bei der rumänischen Bahn. Beim Aussteigen aus dem Zug passierte es dann: Herr Tauas stürzte unter den bereits wieder anfahrenden Zug und seine Frau versuchte ihn wieder herauszuziehen, bekam ihn auch unter den anfahrenden Rädern heraus, aber sie selber verlor dabei beide Beine. Bei einer Notoperation mußten ihr beide Oberschenkel amputiert werden.

Nelu Pop, unserer fleißiger Helfer vor Ort, hatte uns auf die Frau aufmerksam gemacht. Er selbst hatte sie vorher schon besucht, um ihr im Rahmen seiner Möglichkeiten zu helfen. Der Ehemann suchte anfangs regelmäßig das Weite, wenn er Nelu Pop oder uns kommen sah. Auch sonst schien er sich nicht allzuviel um seine Frau zu kümmern. Frau Tauas besaß weder einen Rollstuhl, noch hatte man etwas wegen Prothesen unternommen. Andererseits war es auch nicht so einfach, wie wir später selbst feststellten, als wir in unserer Naivität zunächst Prothesen für beide Beine besorgten und versuchten, ob man Sie ihr anpassen könnte.

Der Knochen war nämlich nur von einer kleinen dünnen Hautschicht überzogen. Zunächst mußte sie zu einem Chirurgen geschafft werden, der noch einmal begutachten sollte, ob derzeit überhaupt schon eine Prothese angepasst werden konnte oder ob nachamputiert werden müßte. Dann mußte die Kostenfrage abgeklärt werden, wobei der rumänische Staat grundsätzlich die Kosten für eine derartige Behandlung übernimmt, jedoch kommen die Leute ohne Beziehungen einfach auf eine Warteliste und es passiert zunächst einmal gar nichts. Erst nach intensiven Bemühungen (auch finanzieller Art) konnten die Termine abgewickelt werden und Nelu bekam in Klausenburg einen Termin beim Prothesenbauer.

Der aus Rumänien stammende Krankengymnast Viktor Pascu brachte ihr und ihrer Tochter vorbereitende Übungen bei, wie sie einstweilen die wichtigen Muskeln zum späteren Gehen mit Prothesen und Krücken auftrainieren sollte.

Inzwischen sollte Nastasia aus ihrer Depression herausgeholt werden: ohne Krücken, ohne Rollstuhl kam sie ja nicht einmal aus dem Haus und die wenigen Treppen herunter: So war es an Notfall-Sanitäter Richard Ableitner, seine bautechnischen Fähigkeiten zur Anwendung zu bringen: zunächst begann er mit täglichen Wickelungen der Bein-Stümpfe, um die Beine allmählich an die Prothesen anzupassen. Mit Informationen aus dem Internet ging er an die auch für ihn ungewöhnliche Arbeit. Außerdem konstruierte er eine Rampe, auf der Nastasia mit dem von uns gelieferten Rollstuhl (auch ohne Prothesen) aus dem Haus in den Garten fahren konnte.

Ein paar Monate später war es dann soweit: während wir zu Hause noch diskutierten, ob wir die Frau eventuell nach Deutschland holen würden, um sie hier mit einer Prothese versorgen zu lassen, brachten die Mitglieder des Familienausschusses die überraschende Nachricht und zugehörige Bilder mit nach Hause: Frau Tauas steht erstmalig auf eigenen Prothesen hinter ihrem Rollstuhl, den sie schiebt.

Bei der Fahrt vom November 1999 konnten wir selbst feststellen, daß Nastasia nicht nur auf ihren neuen Prothesen steht, sondern wie sie uns stolz erzählte, sei sie bereits bis zum Bahnhof des kleinen Ortes (300 m) selbst gegangen. Natürlich braucht sie dazu die Unterstützung ihrer Tochter oder ihrer Nachbarin. Auf jeden Fall kann sie wieder lachen und vielleicht war das das wichtigste Ergebnis unserer Aktion.

 




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